Heimversorgung: Apotheken dürfen bei Ärzten Rezepte anfordern

Update dazu: Rezeptübermittlung – was ist erlaubt? Heimversorgung im Spannungsfeld zwischen optimaler Versorgung und verbotener Zuweisung

Ein kürzlich ergangenes Urteil, das einem Apotheker untersagte, sich von Ärzten frisch ausgestellte Rezepte zufaxen zu lassen, berührt die Heimversorgung nicht.

Eine Apotheke, die Heime beliefert und Medikamente patientenindividuell verblistert, wünscht, „dass der Arzt alle ausgeschriebenen Rezepte faxt und anschließend in einen Umschlag legt und zur Post trägt“: der Arzt kann sicher sein, dass trotz des Berichtes über das Urteil des Saarländischen Oberlandesgerichts (1 U 42/13 – 7 O 7/13 Landgericht Saarbrücken), wonach Ärzte Rezepte nicht an eine bestimmte Apotheke schicken dürfen (auch wenn Patienten dies ausdrücklich wünschen), diese Vorgehensweise bei der Heimversorgung erlaubt ist, wie die Ärzte-Zeitung in ihrem Bericht vom 04.11. 2013 klarstellt.

Rechtlich angreifbar sei diese Praxis zunächst einmal nicht. Denn die beiden Sachverhalte sind nicht eins zu eins vergleichbar. Aufgrund des Versorgungsvertrages zwischen Heim und versorgender Apotheke gemäß §12a ApoG lassen sich die allgemeinen Grundsätze und auch die Rechtsprechung zur Rezeptsammelstelle nicht ohne Weiteres auf die Heimversorgung übertragen“, erläuterte der Bonner Medizinrechtler Dr. Ingo Pflugmacher.

Damit ist klargestellt: Solange die freie Apothekenwahl der Heimbewohner nicht eingeschränkt wird – üblicherweise beinhalten die Verträge einen Passus, der das klarstellt –, kann die Apotheke dem Arzt „Information über auslaufende Medikamenten-Bestände eines Heimbewohners“ übermitteln. Auf Grundlage des Vertrages mit dem Pflegeheim handele die Apotheke als „Bote oder Vertreter“ des Patienten.

„Gemeinsame Opposition gegenüber der Neuverblisterung“

Es ist schon bemerkenswert, wenn im Sommerloch 2014 ein „gemeinsames Positionspapier“ von Ärzten und Apothekern gegen die Industrielle Neuverblisterung publik gemacht wird, das offensichtlich bereits im Februar 2014 erstellt wurde. Warum schlummert ein solches Papier nochmals knapp ein halbes Jahr, bevor es an die Öffentlichkeit gelangt? Es darf spekuliert werden …

Interessant ist dann auch, mit welcher Wucht zurückgeschlagen wird.

Die Autoren haben Recht – aber sie schlagen auf den falschen Sack!

Die Argumentation des Blisterverbandes ist zwar schlüssig und belegt – allerdings zu kurz ge­sprungen: nicht der Blisterautomat ist das Problem der Verblisterung – er KANN u.a. wirk­lich die nahezu fehlerfreie Umsetzung der Verordnung des Arztes garantieren! (Die Realität sieht zurzeit noch anders aus.)

Die prinzipiellen Probleme bei der (Neu-, Zweit-) Verblisterung sind bei den Menschen an­ge­sie­delt, die mit dem Blister umgehen können müssen: Apotheker, Ärzte, Pflegekräfte – m.E. auch in dieser Reihenfolge. Denn es gibt Apotheken, die in der Heimversorgung glänzende Arbeit ab­lie­fern – und denen die Kunden sogar manchmal zulaufen!

Die Blisterzentren machen es sich zu einfach, sie verschließen die Augen und zeigen auf Andere: denn sie selbst haben mit der realen Umsetzung der Verblisterung nicht direkt zu tun – und wollen dies auch nicht! Sie liefern lediglich, was die Apotheke bestellt hatte. Punkt.

Dem normalen Apotheker, der (evtl. gezwungenermaßen) vom Stellen im Heim auf das Blister­zentrum umstellt, fehlt oft die notwendige Einsicht in die Heimversorgung und speziell bei der Umsetzung der Verblisterung – ich habe es oft genug erlebt! Denn hier wird der Apotheker noch viel zu oft von den Blisterzentren allein gelassen.

Warum fällt die Reaktion des BPAV denn derart laut aus? „Getroffene Hunde bellen“ sagt das Sprichwort!

Kreuzreaktionen im Blister ??

in der Ausgabe 04/2013 der „Heimversorgung“ wurde unter dem Titel „Dürfen Arzneimittel nur im Originalblister gestellt werden?“ folgende Aussage gemacht: „Eine weitere Problematik besteht teilweise in dem häufig ungeklärten Auftreten von Kreuzreaktionen, wenn mehrere unterschiedliche Tabletten zusammen in demselben Blisterbeutel (Multi-Dose) verpackt werden.“ (Beginn dritter Absatz).

Mir ist in 13 Jahren Verblisterung noch kein Beispiel dazu berichtet worden, wenn die ebenfalls angesprochenen Maßnahmen eingehalten werden (also keine Brausetabletten verblistern usw.).

Zur Erläuterung: Eine (pharmazeutische) „Kreuzreaktionen“, hier beim Zusammenfügen von unterschiedlichen Tabletten in einen Beutel, würde ja bedeuten, dass zwischen zwei Fertigarzneimitteln eine chemische Reaktion stattfindet, die die inhärente Wirksamkeit eines Medikaments beeinflusst. Allein aus Haftungsgründen darf keine Pharmafirma sich dies erlauben: diese „Kreuzreaktion“ würde folglich wohl auch auftreten, wenn die gleichen Tabletten in der Dosette oder im 7-Tage-vorgestellten Einnahmebecher in Heim verpackt werden !?!

Im Unterschied dazu sind die (pharmakologischen) Kreuzreaktionen der enthaltenen Wirkstoffe untereinander nach der Einnahme derselben Tabletten eine bekannte Tatsache, die jedoch von der Art der Verpackung vor der Einnahme absolut unabhängig ist, ja unabhängig davon sein muss.

Hier werden Äpfeln mit Birnen verwechselt: Die Aussage zur (pharmazeutischen) Kreuzreaktion stammt ursprünglich aus dem Munde einer Justitiarin (also nicht von einem Apotheker!). Leider wird diese Aussage bis heute immer wieder falsch zitiert, aber bisher nicht belegt.

Oder hätten Sie, geneigter Leser, mir ein Beispiel?

 

Hohe Fehlerquote in Heimen – Verblistern als Lösung?

Verblistern bringt Sicherheit: falsch verabreichte Medikation ist offenbar ein bundesweit ver­breitetes Problem für Pflegebedürftige in stationären wie ambulanten Einrichtungen. Bereits 2012 ergab eine Erhebung des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Kran­kenkassen (MDS), dass circa 15.000 Patienten betroffen sind (Fehlerquote 20 %). Eine Unter­suchung in 1.265 Heimen bestätigte jetzt die hohe Fehlerquote.

Fatale Qualitätsmängel in der Handhabung der Medikamente durch das Pflege-Personal könn­ten jedoch verhindert werden, so das Resümee von Holger Görges, Pflege­dienst­leister der Dia­ko­ni­schen Altenhilfe in Wuppertal. Er hat aktuell in einer eigenen Studie bei 1265 Heimen aus dem gesamten Bundesgebiet untersucht, inwiefern die Medikamentenversorgung den ärztlichen An­ordnungen entsprach (u.a. Dosierung, Applikationsform und vollständige Einnahme) und ob der Umgang mit Medikamenten sach- und fachgerecht durchgeführt wurde (richtige Lagerung, Do­ku­mentation und Beschriftung).

Das Ergebnis: Die Fehlerquote bei der Medikamentenversorgung war vor allem in Heimen sehr hoch, die selbst stellten. Sie betrug dort durchschnittlich circa 23 Prozent. Selbst Heime mit einer Transparenznote unter 1,4 hatten noch eine Fehlerquote von knapp 13 Prozent. Ähnlich hoch war die Fehlerquote beim Umgang mit den Medikamenten. In Heimen, die die Arznei von einer Apotheke verblistern ließen, betrug die Fehlerquote allerdings nur 0,85 (Versorgung) bzw. 1,05 Prozent (Umgang). Für Görges, der die Medikamente der Bewohner in seinem Heim von einer Apotheke ebenfalls verblistern lässt (Blisterkartensystem easyblist), haben die verwendeten Blisterkarten mehrere Vorteile. Als Hauptgrund nennt er die signifikant erhöhte Arznei­mit­tel­sicher­heit. Außerdem habe er errechnet, dass damit etwa acht Stunden Arbeitskraft pro Woche eingespart werden konnten, die in nun in die Pflege der Bewohner investiert würden.

09.07.13

Quelle: MTS Medication Technologies

Kosten beim Verblistern: Forderung nach Bezahlung?

Wie lange schon: Apotheker verweisen auf ihren Service ‚Verblisterung‘ und beanspruchen eine Ver­gütung für das Stellen und die aufgestellten Automaten – und auf der anderen Seite wird mit den Achseln gezuckt.

Bereits kurze Zeit nach der Einführung des Kartenblisters als erkennbaren Ausweis einer (da­mals so genannten) „Phar­ma­zeuti­schen Betreuung“ verselbständigte sich die Funktion des Blis­ters auf das simple Ersetzen des ‚Stellens im Heim‘ durch das ‚Stellen in der Apotheke‘ – heute geadelt durch den Begriff „Herstellung einen neuen Arzneimittels“ und  die Aufnahme in die ApBetrO.

Von der ehemals proklamierten Service-Leistung, die heute, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, unter dem Begriff „Medi­cation Therapy Management“, „Patienten-orien­tierte Pharmazie“, oder einfach „Medikationsmanagement“ wieder auflebt, ist aktuell nur wenig übrig ge­blieben: Die gewissenhafte Überprüfung von Medikationslisten und die Beratung/­Be­treuung von Patient, Arzt und Pflege ist aufwendig, wenig öffentlichkeits­wirk­sam und wird (von Pilot­pro­jekten abgesehen) auch nicht bezahlt. Selbst die letztendlichen Nutznießer, die Kran­ken­kassen, präferieren eher kurzfristige Rabatte als dauerhafte Compliance-Verbesse­rungen. Und ein Medikationscheck, die klassische Aufgabe eines Apothekers, wird gemäß jüngsten Vereinbarungen eher einem Arzt als einem Apotheker bezahlt! Nicht verwunderlich, dass der Elan der Apotheker schwindet – wobei die Apotheker nicht ganz schuldlos an ihrer eigenen Misere sind.

Mit der 2004 eingeführten packungsbezogenen Apothekenleistungsbemessung  wurde offensichtlich, dass primär die über den HV-Tisch ge­reich­te Packung zählt. Der nivellierende Service ‚Beratung‘ wird zwar immer wieder mit hee­ren Worten ver­kündet und in der neuen ApBetrO festgezurrt, aber genauso regelmäßig als un­zu­länglich er­fahren: unter der alles erschlagenden Packungsvergütung stirbt die Beratung einen langsamen Tod. Denn die punktu­elle Be­ratung zur Einzel-Packung ist für den wirklich beratungs­bedürftigen Patient oft nicht ausreichend, wäh­rend dieselbe Beratung den Wiederholungskäufer nervt.

Mit der Verblisterung hat der Apotheker unbestritten die beste Datengrundlage, eine eingehende, effek­tive und effiziente Beratung anbieten zu können: aber von der Kasse eine direkte Vergütung für den Zusatzservice ‚Verblisterung‘ erwarten zu wollen, ist heute vermes­sen bis unmöglich – denn faktisch zahlt ja die Kasse für die Abgabe der verordneten Packung!

Andererseits stellen wir fest, dass Heime zuneh­mend bereit sind, für die Serviceleistung des Blisters zu bezahlen, wenn, und das ist der springende Punkt, das Heim einen eigenständigen Vorteil und Nutzen ableiten kann: die Zahlen der MDK-Prüfung von Heimen mit Ver­blis­te­rung sprechen hier eine deutliche Sprache. Es gibt bereits Erstattungsbeträge von ca. 5 EUR/­Pa­tient/­Woche für eine Apotheke, die genau auf die Bedürfnisse des Heimes eingeht – und dauerhaft einhält.

Jahrelang wurde den Verblisterern doch vorgehalten, dass durch die Auslagerung des Stellens an die Apo­theke der Stellenplan im Heim und die Höhe der monatlichen Erstattungs­leistung gefährdet wären.

Aber die Argumentation dreht sich gerade um 180°: die Kosten der Verblisterung durch die Apotheke wird von einigen Häusern/Trägern bewusst auf den Tisch gelegt und in die Ver­handlungsmasse mit den Kostenträgern eingebracht – und letztere erkennen diese Kosten zunehmend an, wenn sich die Qualität der Versorgung dadurch hebt bzw. auf hohem Niveau bleibt.

Damit honorieren die Kostenträger nicht die Her­stellung des Blisters, sondern die aus dem Blister er­wachsende Service­leistung, Beratung und Qualitätss­teige­rung. Bezahlt wird an den, der den Service der Apo­theke (und deren Rech­nung) ent­gegennimmt und der Kasse nach­weist. Eigentlich logisch.

Der ambulante Bereich (z.B. Pflege­dienst) wartet ebenfalls auf eine intelligente Lösung für die direkte Kooperation mit der Apotheke (Vorschlag: analog zum Pflegeheim) als auch für die Serviceleistung ‚Sicherheit bei der Medi­kamentenvergabe‘.